du fehlst nun seit 10 Jahren und manchmal habe ich das Gefühl ich stehe in meinem Trauerprozess noch ganz am Anfang.
Dass du nie wieder bei uns sein wirst; nie wieder mit uns lachen, weinen, schimpfen oder tanzen wirst… Das möchte ich einfach nicht akzeptieren.
Liebste Mama,
ich sehe dich in der Warmherzigkeit und Großzügigkeit deiner Mutter,
ich sehe dich in der aufmerksamen und liebevollen Art deines Bruders,
ich sehe dich in der Unabhängigkeit und Selbstbestimmung deiner kleinen Tochter
und ich sehe dich in der Kreativität und Stärke deiner großen Tochter.
Solange wir leben, lebst auch du in uns weiter.
Deine kleine Tochter hat dir zu Ehren einen Lotus Cheesecake gebacken.
Liebste Mama,
du wirst für mich realer, an jedem Tag an dem du mir mehr fehlst. Und irgendwie ist das auch etwas Schönes. Jede Frau braucht eine Mama und du warst die beste, die ich mir hätte vorstellen können. Ich bewundere dich sehr.
zu deinem 48. irdischen Geburtstag denken wir an dich, vermissen dich, feiern dich und erinnern uns deiner – voller Liebe.
Unser Weg zu deiner Ruhestätte wird von blauem Himmel und Sonnenschein begleitet, als würdest du mit uns gehen.
Liebste Tochter, wie jedes Jahr, verhelfe ich dem meditierenden Buddha zu neuem Glanz und spüre Freude und Erleichterung.
Gefallen dir die leuchtenden Farben der Blumen genauso gut wie uns?
Deine kleine Tochter, liebe Mama, verbringt den Beginn der Osterferien in Italien.
Wir nehmen sie gedanklich mit in unseren Kreis, während wir an deinem Grab stehen – nicht alleine, sondern tröstlich zusammen – und unser Geburtstagsständchen singen.
Wie jedes Jahr singe ich, deine große Tochter, das Lied „Hoy somos mas“, diesmal begleitet von meiner eigenen Gitarre.
Unsere Geburtstagstradition seit nun 10 Jahren. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie du den Text des Liedes auf deiner Buchparty vorgelesen hast. Für mich bedeutet die erste Zeile: Bisher war es alles wert, weil ich dich als Mutter haben durfte.
Wir sind zwar traurig, aber auch beschwingt, da wir uns dir heute besonders nah fühlen. So wie du es jedes Jahr gerne getan hast, feiern wir deinen Geburtstag mit einem Ausflug (dieses Jahr ins Café Winklstüberl) und ganz viel Kuchen!
Kannst du es glauben, Mama? Selbst das Café hat uns eine Geburtstagsüberraschung beschert: Man schenkt uns ein Riesenstück Nusstorte einfach so! Hast du den bestellt, Julia?
Wie genießen den Kuchen und hängen unseren Gedanken nach. Das Panorama ist idyllisch – du fehlst uns so.
Liebste Tochter, wo magst du gerade sein?
„Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll es auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt diese Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr unausgefüllt, und hilft dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.“
– Dietrich Bonhoeffer
Julia, wir lieben dich – ewig, unendlich und immer mehr.
es ist für mich immer noch unfassbar, wie du trotz den Hindernissen, die dir von deiner Krankheit in den Weg gelegt wurden, immer wieder einen Weg gefunden hast, diese in der Kraft der Hoffnung zu überwinden und für uns weiterzukämpfen. Dein Mut, deine Kraft, deine Individualität, deine Ehrlichkeit, deine Fürsorge, dein Tatendrang, dein Verständnis, deine Kreativität, deine Liebe zum Leben – ich bewundere dich sehr. Du bist zu früh von dieser Welt gegangen.
Heute ist Ostern. Die Auferstehung Christi. Ostern war dir immer sehr wichtig. Du hast dir so viele Gedanken um uns gemacht. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie du im Garten der Nachbarn Ostereier und kleine Leckereien für meine Schwester und mich versteckt hast. Überall, mit so viel Liebe zum Detail. Meine Schwester und ich haben stundenlang im großen Garten gesucht und hatten abends immer noch nicht alle Körbe auftreiben können. Du hast dir die besten Verstecke überlegt: ganz oben im Baum, oder hinter dem Blumenkasten und da, direkt vor unserer Nase! Doch wir sind trotzdem stur mit suchenden Äuglein daran vorbeigelaufen. Es hat uns einen Haidenspaß gemacht!
Heute ist Ostern und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als ein weiteres Ostern mit dir verbringen zu können. Noch einmal auf große Suche gehen und vielleicht diesmal fündig werden. Wir würden auch Ostereier für dich verstecken, liebe Mama. Und dann suchen wir zu dritt. Was meinst du? In den letzten Jahren haben wir oft mit deiner Mutter Ostereier bemalt. Wir gedenken an dich. An all die gemeinsamen Stunden und Momente, die du uns geschenkt hast. An schöne Erinnerungen, die du hinterlassen hast. Du bist in unseren Herzen bei uns und bleibst unheilbar lebendig.
P.s.: Ich bin so froh, dass wir deinen Blog wieder aufbauen konnten. Wir werden dich für immer in Ehren halten, liebe Mama. Danke für alles, was du uns gezeigt, uns gelernt und vorgelebt hast. Danke für deine Liebe, die du mir geschenkt hast. Ich bin sehr stolz, deine Tochter sein zu dürfen.
Hdgdl,
deine große Tochter
„Das Herz hat auch seine Ostern, wo der Stein vom Grabe springt, den wir dem Staub nur weihten. Und was du ewig liebst, ist ewig dein.“
– Emanuel Geibel
Liebe Mama,
ich vermisse dich so unfassbar sehr und denke sehr oft an dich. Heute an Ostern, denke ich sehr daran, wie du mir und meiner Schwester an Ostern immer Schokolade und Körbe mit Kleinigkeiten und Geschenken, im Garten versteckt hast. Diese Tradition hat aber nicht aufgehört, nachdem du von uns gegangen bist, denn Papa hat sie weitergeführt und sich sehr viel Mühe gegeben, damit uns nichts fehlt. Seitdem ich jetzt 15 bin, macht mein Vater es nicht mehr; aber bis vor 2 Jahren noch.
Mama, ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du dir für mich und meine Schwester immer so viel Mühe mit solchen Traditionen gegeben hast. Ich werde sie nie vergessen und immer in meinem Herzen tragen, als wunderschöne Erinnerungen. Danke, dass ich dich als Mama haben durfte. Ich liebe dich unendlich sehr und denke jeden Tag an dich und vermisse dich sehr. Es gibt so viel, was in meinem Leben passiert ist und ich mit dir zu gerne teilen würde. Ich halte dich aber so oft auf dem Laufenden und erzähle dir Sachen aus meinem Leben; tief in mir drinnen weiß ich, dass du irgendwo bist und mir gerade bei meinem neuen, spannenden Gossip zuhörst hahaha. Ich liebe dich. Frohe Ostern Mama.
Meine geliebte Julia
Mein über alles geliebter Engel
Am 30.Oktober 2015 hast du deinen letzten Atemzug getan.
Aufrecht bist du durch deine Erkrankung gegangen,
hast voller Mut soviel Leben wie möglich in dieses 1 und dreiviertel Jahr gepackt.
Wie sehr wünschtest du dir ein Wunder, während du gekämpft hast.
Wie sehr hoffte ich mit dir auf dein Wunder der Heilung.
Leider blieb dieses Wunder auf Erden aus.
Meine tapfere Julia:
Meine Vorstellung ist, dass du aus dem Schweren in das Leichte hinaufgestiegen bist.
In das Licht, in das Gold, das du einmal gemalt hast.
Der Himmel gibt dir nun deinen großen Schaffensraum.
Vielleicht ist dies dein himmlisches Wunder!?
Du bist gegangen, und ungewöhnlich blau und sonnendurchflutet schön war der Himmel für Tage, für Wochen! Und dies im November!
Mit diesem Bild, dass du glücklich, gesund und fröhlich nun den Himmel gestaltest, trage ich dich in meinem Herzen in unendlicher Liebe.
Deine Töchter treten mit ihrem wachen, aufmerksamen und tiefsinnigen Geist in deine Fußstapfen!
Sie lieben das Leben und nehmen es in Gänze an.
Sie leben in der Gegenwart, leben trotz der traurigen Augenblicke die ganze Gefühlspalette der Freude auf alles was das Leben bereithält!
Mein wunderbares Kind! Meine tiefste Verehrung:
Wie großartig du dies vorbereitet hast! Du warst und bist noch immer das Vorbild deiner Töchter!
Dabei warst du große Realistin, hast getan, was deiner Meinung nach anstand.
Das Schweben in irgendwelchen höheren Sphären war nicht dein Anliegen.
Du wolltest nie Statements setzen, du setztest sie automatisch durch deine Leidenschaft, durch deine Präsenz, mit der du, deiner Krankheit und Schmerzen trotzend, dich anschicktest, deine Träume eigensinnig und eifrig umzusetzen.
Du warst so bereit für das Wunder des Lebens, du hast keine Visionen verschwendet mit Tagträumen.
Tag für Tag und jede Sekunde deines kostbaren Lebens hast du alles für deine Visionen gegeben. Dich nicht gescheut, sich von Erwartungen loszusagen, die sich nie erfüllen würden.
Stattdessen erreichbare Ziele gelebt, jede Träne geweint, jedes Lachen ausgekostet.
Bis in die letzten Minuten deines Lebens warst du lebendig und im Leben begleitet.
So wolltest du es, und so ist es gekommen.
Mein Liebes!
Deine Nachdenklichkeit, deine Tiefsinnigkeit, zusammen mit deiner dir ganz eigenen Heiterkeit, wird mir so sehr fehlen.
Alles, was dich ausgemacht hat!
Ich verehre dich.
Danke, dass ich deine Mutter sein durfte,
Danke, dass du mir das Riesengeschenk gemacht hast, dich als deine Tochter haben zu dürfen!
Liebe und Harmonie mögen immer mit dir sein, Glück und himmlische Freude!
Er ist immer an meiner Seite. Bin ich glücklich, traurig, wütend oder verzweifelt, er ist immer da. Bei allem Unglück ist er trotzdem der Romantiker geblieben. Wenn ich zweifle, antwortet er nur: „Bei unserer Hochzeit habe ich es versprochen, in guten wie in schlechten Zeiten.“ Dass er mich als gesunde Frau geheiratet hat, verdrängt er: Als Frau mit wunderschönem Haar. Als Frau mit Lust gemeinsam die sexuelle Welt zu erkunden. Wo ist jetzt meine Schönheit geblieben? Wo ist jetzt meine Lust geblieben? Begierde, Erotik, Zärtlichkeit, Nähe – all das fehlt mir sehr. Obwohl ich es vermisse, ist es trotzdem ganz weit weg, weit weg von mir. Mein Körpergefühl ist immer schmerzverzerrt, es hat an positiver Bedeutung verloren. In meinem Alltag kosten banale Dinge sehr viel Kraft, so dass ich abends völlig erschöpft in die Kissen falle. Ich bin einfach froh, diesen einen Tag wieder überlebt zu haben. Zärtlichkeit? Das steht ganz unten auf meiner Liste.
Doch die gemeinsame Vergangenheit macht uns stark. Sie hält uns zusammen. Die Kinder sind unser ganzer Stolz. Unsere Verbindung macht Sinn und was Sinn hat, besteht. Unser Zusammenhalt ist tiefer geworden, voller Respekt und Toleranz, mehr denn je. Im Herzen wissen wir, dass die gemeinsamen Tage gezählt sind, das macht sie so kostbar. Das ist sie, die wahre Liebe, kostbar, intensiv und ungeschminkt!
Ich fühle mich schwerelos. Mein Körper ist federleicht. Lautlos gleite ich durch das warme Nass. Das Schwimmen ist meine neue Leidenschaft. Endlich kann ich mich wieder auf etwas freuen! Mein Highlight des Tages ist für andere der wahre Albtraum. Im Hochsommer gehe ich freiwillig in das Kinderbecken eines Hallenbades. Der Boden darf nur so tief sein, dass ich jederzeit anhalten und verschnaufen kann, denn eine lange Sportbahn schaffen meine Lungen nicht mehr. Außerdem genieße ich die 32 Grad Wassertemperatur. So verfroren wie ich bin, komme ich nicht mal in das Sportbecken hinein. Beim letzten Schwimmbadbesuch musste meine kleine Tochter zwangsläufig das Schwimmen lernen. Ich hatte ihr nämlich die Schwimmhilfe, die sogenannte „Nudel“, gemopst, da ich damit das Rückenschwimmen entdeckte. Vor lauter Langeweile übte mein Kleine also tapfer eine Stunde lang das Schwimmen, während ich voller Begeisterung das Rückenschwimmen in allen erdenklichen Varianten erprobte. Als ich ihr schließlich die Nudel zurückgeben wollte, verkündete sie stolz: „Du kannst sie behalten. Ich kann jetzt schwimmen!“
Dieser Sport half mir die Schmerzspirale zu durchbrechen. Bisher war jeder Schritt eine Qual, so dass ich nie spazieren ging. Je stärker die Schmerzen wurden, desto mehr lag ich im Bett, was wiederum neue Verspannungen auslöste und meine Muskeln schwächte. Dazu litt ich enorm unter der Passivität, da dies keineswegs meiner Persönlichkeitsstruktur entsprach. Im Gegenteil, ich brauchte Aktivität, um mich zu entspannen.
Im Wasser fühlt sich alles leicht an, auch die Schmerzen. Ich lasse los und gleite dahin. Anschließend fühle ich mich pudelwohl in meiner Haut. Ein gutes Körpergefühl vermisste ich schon allzu lange. Das gibt es gratis dazu. Endlich beginnt mein Körper fit zu werden, mein flacher Po wird wieder rund. Los geht’s, ich „erschwimme“ mir meine Traumfigur!
Leider habe ich sehr lange nicht mehr geschrieben. Das hat einen Grund. Ich habe für einige Wochen alles verloren, meine Kraft, meinen Glauben, mein Urvertrauen in die Welt. Aufgrund einer unerwarteten Nebenwirkung der Chemo fand ich mich plötzlich dem Tod näher als dem Leben. Mein Immunsystem brach völlig zusammen, meine Leukos blieben trotz zahlreicher Leukozytenspritzen auf 0,2 stehen. Diese Chemo galt als gut verträglich, so dass es ein großes Rätsel blieb, warum ich darauf so überaus sensibel reagierte. Niemand hatte einen Rückfall erwartet, im Gegenteil, ich ging positiv und angstfrei in die Therapie. So traf mich dieser Schock besonders hart. Von meinem 3wöchigen Klinikaufenthalt verbrachte ich 2 Wochen „umkehrisoliert“, d.h. ich musste vor jedem Keim geschützt werden: Aufgrund der hohen Infektionsgefahr durfte ich mein Zimmer nicht verlassen. Alle Ärzte, Pfleger, Besucher erschienen in sterilen grünen Kitteln mit Mundschutz. Ich kam mir vor wie auf einem anderen Planeten, gefangen genommen von Außerirdischen. Bisher hatte ich mir immer vorgestellt, dass ich erst dann gehen würde, wenn ich alles gegeben hätte, jahrelang tapfer alle möglichen Kämpfe geführt hätte. Doch niemals hätte ich erwartet aus Versehen, wegen einer medizinischen Unverträglichkeit, zu sterben. Das lag mir völlig fern. Für mich passt das Sterben zum Charakter eines Menschen. Man stirbt so, wie man auch gelebt hat. Und mein Leben ist, in guten wie in schlechten Zeiten, immer lebendig und leidenschaftlich.
Schließlich machte mich mein körperlicher Rückfall wütend. Zwei Lesungen lagen vor mir, die ich voller Freude geplant und vorbereitet hatte. Diese Erkrankung würde mir nicht schon wieder meine Ziele wegnehmen. Ich war stinksauer! Den ganzen Tag schimpfte ich meine Leukozyten, sie sollen sich gefälligst bewegen und sich nicht so gehen lassen. Seit Tagen las ich meine schriftlichen Blutwerte ohne sichtbaren Fortschritt. Aus purer Verzweiflung schnitt ich das Wort „Leukozyten“ vielfach aus und verteilte es in meinem Zimmer. Überall, wohin ich schaute, klebte nun dieses Wort: auf dem Fenster, an der Wand, auf dem Spiegel im Bad … Mit jedem Blick erinnerte ich meine Leukos daran, dass sie sich gefälligst anstrengen müssen. Und siehe da! Am nächsten Tag gingen sie hoch – endlich! Meine erste Lesung war gerettet.
Und da war er wieder, mein Glaube. Schließlich bin ich nicht gestorben. Das ist es, was zählt. Ich habe schon wieder meiner Erkrankung gezeigt, wer hier das sagen hat. Meine Todesängste überwindete ich mit der nächsten veränderten Chemotherapie, die gottseidank normal ablief. Ängste lassen sich nur mit guten Erfahrungen löschen. So wurde ich wieder zurück ins Leben geschmissen. Natürlich wird mein Körper noch eine Weile brauchen, bis er sich von diesem Tiefpunkt erholt hat, aber ich habe auch einiges nachzuholen: Artikel zu meiner Person werden Sie im Herbst in den Magazinen „Fokus Gesundheit“ (Artikel „Das Leben bewältigen“ auf S. 22; Ausgabe Oktober/November vom 15.9.15), „Freundin“ (Artikel „Das macht uns stark!“ auf S. 166; Ausgabe 22/2015 vom 7.10.15) und „Mamma Mia!“ (Artikel „Plötzlich unheilbar“ auf S. 10; Ausgabe 4/15 vom 21.9.15) lesen.
Nichts ist so sicher wie der Tod! Trotzdem verdrängen die meisten Menschen seine Existenz. Durch mein Schicksal werden sie wieder an sein Dasein erinnert. „Diejenigen, die vor uns gehen, haben die Aufgabe, uns den Tod näher zu bringen“, sagte einst eine Freundin zu mir. Meine Freundinnen fühlen sich geehrt, dass ich sie auf meinem Weg mitnehme. Sie nehmen die Chance wahr, wach gerüttelt zu werden, um ihr eigenes Leben zu überdenken und wieder bewusst zu gestalten.
Andere ignorieren weiterhin die Schwere meiner Erkrankung und beruhigen (statt mich) sich selbst mit Sätzen wie „Alles wird gut!“, „Denke positiv!“ oder „Genieße das Leben!“. Das sind meine drei „Hass-Sätze“. Ich frage mich wirklich, genießen gesunde Menschen das Leben? Im Gegenteil, wir leben in einer „Jammer-Gesellschaft“. Wenn gesunde Menschen den Moment nicht schätzen können, wie sollen wir Kranke das dann vollbringen? Wir kämpfen täglich mit Schmerzen, Arztterminen und Ängsten – das kann man sicherlich nicht genießen! Natürlich schätzen wir schöne Augenblicke mehr, aber das liegt daran, dass wir so wenige davon haben.
Meine Geschichte stellt plötzlich die eigene heile Welt anderer in Frage. Manche meiden sogar den Kontakt mit mir, da sie ihre Lebensidylle um jeden Preis behalten wollen. Das Abschirmen nahestehender Leute schmerzt. Immer wieder sucht mich die Einsamkeit heim. Ich begreife, dass der Mensch im Grunde immer alleine ist, das ist vielleicht die schlimmste Erkenntnis im Leben: Er kommt allein auf die Welt und verlässt diese allein!
Schnell fehlt die Verbundenheit zum Gegenüber, wenn die Kommunikation misslingt. Der Gesprächspartner möchte sich nicht einfühlen. Er sieht mich nicht. Bei jedem “Wie geht es dir?“ bin ich unsicher, was ich nun offenbaren will. Sage ich die Wahrheit, überfordere ich meinen Zuhörer mit zu viel Tiefgang. Schnell wechselt dieser dann das Thema und erzählt mir von sich, von seinem „wunderbar stressigen“ Leben. Wie früher ärgert er sich unaufhörlich über seinen beruflichen Alltag oder schwärmt weiterhin von seinen wunderschönen Urlaubsreisen. Und das in meiner Gegenwart! Für mich gibt es kein „früher“ mehr, keinen Beruf und keine erlebnisreichen Flugreisen. Ich werde zur unsichtbaren Zuhörerin.
Liebe Leserin, lieber Leser, du bist mir wichtig!
Fühlst du dich manchmal unsichtbar?
Kämpfst auch du mit der Einsamkeit?
Was sind deine „Hass-Sätze“?
Erziehung wird überbewertet! Jahrelang kämpfen wir Eltern mit einfachen Benimmregeln. Neunundneunzig Mal kauen wir den Kindern höfliches Benehmen vor in der Hoffnung, dass sie es irgendwann übernehmen, sei es auch erst ab dem hundertsten Male. Wozu? Um die Sprösslinge für das Leben vorzubereiten. Denn Freundlichkeit, Höflichkeit und gutes Benehmen, heißt es, öffnen später alle Türen.
Ganz ehrlich, niemand kann seine Kinder vor dem Leben bewahren. Das Leben geht seinen eigenen Gang. Wer weiß schon, was dem Nachwuchs in der Zukunft blüht? Mit der Diagnose „unheilbar krank“ habe ich mit sechsunddreißig Jahren den Boden unter meinen Füßen verloren. Nach einem Schicksalsschlag setzt man neue Prioritäten. Heute stecke ich meine Energie nicht mehr in Gebote oder Verbote. Mein Blick ist weitsichtiger geworden. Auf Charakterstärke kommt es im Leben an! Im größten Glück sowie Unglück muss man sein Leben selbst gestalten. Eine Überdosis an Selbstvertrauen, Geborgenheit und Liebe möchte ich in meine Töchter versenken, die sie noch Jahre lang durchs Leben trägt.
Deshalb erfand ich unsere „Spaßtage“. Abwechselnd verbringe ich mit jedem Mädchen wunderschöne Stunden, in denen ihre Wünsche im Vordergrund stehen. Als Fee erfülle ich ihre Träume. Mein Liebesvorschuss öffnet die Herzen meiner Kinder. Sie zeigen sich verständnisvoll, höflich und fürsorglich. Sie umsorgen mich, achten auf Pausen, bringen mir Getränke und Kissen. Erziehung gibt es also noch gratis dazu. Wenn man wirklich in Beziehung zu seinen Kindern geht, dann gelingt Erziehung von selbst. Im Alltag fällt das oft schwer, es findet sich keine ruhige Minute, um inne zu halten und sich aufeinander zu besinnen. Unsere „Mädelstage“ unterbrechen das anstrengende Alltagsleben, sie werden zum absoluten Highlight – für uns alle. Mir ist wichtig, dass meine Töchter den Schicksalsschlag nicht nur negativ abspeichern: „Als meine Mutter krank wurde, war meine Kindheit vorbei.“ Natürlich müssen sie Rücksicht nehmen, verzichten, helfen – eigentlich schneller erwachsen werden. Deshalb sollen sie auch Privilegien genießen. So darf meine Große zum zwölften Geburtstag zum Cro-Konzert gehen, bekommt bunte Strähnen ins Haar und ein luxuriöses Handy. Wir Mädels verbringen Wellness-Tage zusammen und lassen uns von Kopf bis Fuß verwöhnen. Die kleine Sechsjährige sitzt wie eine Königin auf dem Thron, lobt die Fußmassage und zeigt stolz ihre schön lackierten Nägel. Unser Leben ist besonders, nicht nur, weil ich krank bin. Es ist ein intensives Leben – an schlechten, aber auch an guten Tagen. Gerade weil die traurigen Stunden überwiegen, brauchen wir glückliche Stunden voller Highlights.
Die Zeit geht, das Schöne bleibt: Die von Freude erfüllten, funkelnden Kinderaugen bleiben mir ewig in Erinnerung.
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