Unsichtbar

Unsichtbar

© Federico Marrangoni, https://www.flickr.com/photos/fedebio27/sets/, 15.04.2015 © Federico Marrangoni, https://www.flickr.com/photos/fedebio27/sets/, 15.04.2015
© Federico Marrangoni, https://www.flickr.com/photos/fedebio27/sets/

Nichts ist so sicher wie der Tod! Trotzdem verdrängen die meisten Menschen seine Existenz. Durch mein Schicksal werden sie wieder an sein Dasein erinnert. „Diejenigen, die vor uns gehen, haben die Aufgabe, uns den Tod näher zu bringen“, sagte einst eine Freundin zu mir. Meine Freundinnen fühlen sich geehrt, dass ich sie auf meinem Weg mitnehme. Sie nehmen die Chance wahr, wach gerüttelt zu werden, um ihr eigenes Leben zu überdenken und wieder bewusst zu gestalten.

Andere ignorieren weiterhin die Schwere meiner Erkrankung und beruhigen (statt mich) sich selbst mit Sätzen wie „Alles wird gut!“, „Denke positiv!“ oder „Genieße das Leben!“. Das sind meine drei „Hass-Sätze“. Ich frage mich wirklich, genießen gesunde Menschen das Leben? Im Gegenteil, wir leben in einer „Jammer-Gesellschaft“. Wenn gesunde Menschen den Moment nicht schätzen können, wie sollen wir Kranke das dann vollbringen? Wir kämpfen täglich mit Schmerzen, Arztterminen und Ängsten – das kann man sicherlich nicht genießen! Natürlich schätzen wir schöne Augenblicke mehr, aber das liegt daran, dass wir so wenige davon haben.

Meine Geschichte stellt plötzlich die eigene heile Welt anderer in Frage. Manche meiden sogar den Kontakt mit mir, da sie ihre Lebensidylle um jeden Preis behalten wollen. Das Abschirmen nahestehender Leute schmerzt. Immer wieder sucht mich die Einsamkeit heim. Ich begreife, dass der Mensch im Grunde immer alleine ist, das ist vielleicht die schlimmste Erkenntnis im Leben: Er kommt allein auf die Welt und verlässt diese allein!

Schnell fehlt die Verbundenheit zum Gegenüber, wenn die Kommunikation misslingt. Der Gesprächspartner möchte sich nicht einfühlen. Er sieht mich nicht. Bei jedem “Wie geht es dir?“ bin ich unsicher, was ich nun offenbaren will. Sage ich die Wahrheit, überfordere ich meinen Zuhörer mit zu viel Tiefgang. Schnell wechselt dieser dann das Thema und erzählt mir von sich, von seinem „wunderbar stressigen“ Leben. Wie früher ärgert er sich unaufhörlich über seinen beruflichen Alltag oder schwärmt weiterhin von seinen wunderschönen Urlaubsreisen. Und das in meiner Gegenwart! Für mich gibt es kein „früher“ mehr, keinen Beruf und keine erlebnisreichen Flugreisen. Ich werde zur unsichtbaren Zuhörerin.

Liebe Leserin, lieber Leser, du bist mir wichtig!
Fühlst du dich manchmal unsichtbar?
Kämpfst auch du mit der Einsamkeit?
Was sind deine „Hass-Sätze“?